Bayerischer Staatspreis für Nachwuchsdesigner

Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie

Juliane Trummer


Fliegender Kindergarten für Langstreckenflugzeuge


Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
Betreuer: Prof. Sapper

Fliegender Kindergarten für LangstreckenflugzeugeFliegender Kindergarten für Langstreckenflugzeuge Detailansicht

Preis im Bereich Industriedesign

Fliegender Kindergarten für Langstreckenflugzeuge

Würdigung

Prof. Richard Sapper - Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Der Bayerische Staatspreis für Nachwuchsdesigner teilt sich in eine Abteilung für Industriedesign und eine zweite für das Handwerk. Von den drei ausgesetzten Preisen sind zwei für Industriedesign und einer für das Handwerk vorgesehen. Bei der Ausgabe dieses Jahres fällt auf, dass zwei Preise an Arbeiten aus dem Handwerk und nur einer an eine Diplomarbeit des Industriedesigns verliehen worden sind. Ich möchte hier ganz kurz auf die Ursache eingehen.

Industriedesign ist ein zwar sehr begehrter Beruf, aber auch ein ganz ungemein komplizierter. Der Designer übt seine Tätigkeit auf einem Verkehrsknotenpunkt aus, auf dem nicht nur die verschiedensten Interessenrichtungen innerhalb einer Firma mit Bezug auf ein Produkt miteinander zusammenstoßen, sondern auch die der Außenwelt: also nicht nur Funktionstüchtigkeit, Herstellungstechnik, Materialverbrauch, Umweltschutz, Servicefreundlichkeit, Herstellungskosten, sondern auch Konzepte wie Haltbarkeit, Ergonomie oder Gebrauchsnutzen und Bedienungsfreundlichkeit. Und damit nicht genug, zu all diesen rationalen Komponenten kommen auch noch metaphysische wie Schönheit, Stolz, Revolution oder Konservation. Kein Wunder, dass der Designer, auch in jungen Jahren, nach einem Strohhalm sucht, an dem er sich eventuell festhalten kann, und ihn oft in einer ganzen Mauer aus rationellen Argumenten findet, hinter der er seine Schöpfung versteckt. So findet sich dann manchmal eine Jury gegenüber einer Sammlung von Projekten voller guter Ideen, gründlicher Arbeit und überzeugender praktischer Lösungen, bei denen die formale Seite aber nicht ausgesprochen begeisternd ausgefallen ist. Auf der Suche nach der zündenden Idee blieb die Jury heuer einige Male öfter auf der handwerklichen Seite der Wettbewerber hängen und dies ist der Grund für das ungewöhnliche Ergebnis.

Die prämierte Designdiplomarbeit "Fliegender Kindergarten" von Juliane Trummer bleibt von solchen Betrachtungen unberührt. Hier haben wir ein Schulbeispiel dafür, was Industriedesign sein sollte: nicht ein Versuch, Produkte zu verschönern, die es schon gibt und niemand mehr braucht, um sie noch länger am Leben zu erhalten, sondern die Erfindung von Produkten, die viele oder alle brauchen, aber die es noch gar nicht gibt - weil noch nie jemand auf solch eine Idee gekommen ist, oder auch weil im Tumult des vorhin beschriebenen Verkehrs- oder Interessenknotenpunktes die Stimme des Verbrauchers nicht gehört wurde. Alle reden heute von Verbraucherfreundlichkeit. Was ist denn das? Haben Sie, wenn Sie in der Touristenklasse eines modernen Passagierflugzeuges sitzen, den Eindruck, dass dieses Vehikel mit Bequemlichkeit und dem Wohlbefinden des Reisenden im Blickpunkt entworfen wurde? Ich nicht. Hier geht es um Rentabilität, Gewinn und Verlust, Sicherheit, Wartungsfreundlichkeit etc., aber nicht um Wohlbefinden. Im "Fliegenden Kindergarten" aber können wir sehen, wie ein Produkt entworfen wird, bei dem das Interesse eines Verbraucherkreises im Blickpunkt stand, der sich überhaupt nicht melden, und auch keinen Airbus bestellen kann: die kleinen Kinder auf einem Langstreckenflug. Die Dokumentation dieses Beitrags zeigt auch, wie so etwas von der Methodologie her beispielhaft gemacht wird:

  • die Feststellung des Bedarfs durch die ständige Zunahme von Langstrecken und Superlangstrecken auf Ferienflügen, sowie die Analyse der Bedürfnisse von Kindern verschiedenen Alters im Flugzeug,
  • die Erkennung der realisierbaren Technologie durch Verwendung der schon vorhandenen Container für Gepäck, Küche und Mannschaftsruheraum,
  • die konkrete Zusammenarbeit mit dem Flugzeughersteller,
  • die Erarbeitung nicht nur eines in Funktion und Dimension variablen und anpassungsfähigen Kinderspielplatzes, sondern auch die Erfindung flugspezifischer neuer Aktivitäten für Kinder einer ganzen Altersspanne

all dies unter Aufgabe von nur zwei Sitzplätzen im Passagierraum und schließlich mit einer Fülle neuer Gestaltungsideen in der Ausführung des ganzen Konzeptes. Noch selten haben wir eine Diplomarbeit gesehen, bei der Phantasie, Realität und Gemeinsinn so nahe beieinander wohnten wie hier.

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