Bayerischer Staatspreis für Nachwuchsdesigner

Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie

Sebastian Ritzler


Mygo
Die erste Generation einer aktiven und dynamischen Führung in der urbanen Umgebung. Ein elektronischer Blindenhund und seine Möglichkeiten.


Diplomarbeit
Muthesius-Hochschule Kiel | 2005
Betreuer: Prof. Ulrich Hirsch

MygoMygo im EinsatzMygo

Staatspreis Industriedesign

Für blinde Menschen ist Mobilität mit viel Stress verbunden. Sie müssen sich ihre Routen genau einprägen und die Umgebung mit dem Gehör ergründen. In vielen Situationen, wie beispielsweise Umwelteinflüssen (Sturm, Regen, Schnee und Lärm), aber auch durch eine Erkältung wird ihnen die Orientierung erschwert oder gar unmöglich.

Hilfe kann ein Blindenführhund bieten, der den Blinden in dynamischen Bewegungen durch die Umgebung führen kann. Die blinde Person muss jedoch die Routen auch mit einem Blindenführhund genau kennen. Er agiert als Navigator und der Hund als Pilot. Da ein Blindenführhund aber großen finanziellen und zeitlichen Aufwand bedeutet, können sich nur wenige Blinde einen Blindenführhund leisten. Auch bemängeln viele Blinde, dass ein Blindenführhund in städtischer Umgebung nicht länger als zwei Stunden zuverlässig führen kann.

In Zusammenarbeit mit etlichen blinden Personen und Gruppen entstand das Konzept für ein Gerät, das die Eigenschaften des Blindenhundes besitzt und zusätzliche Möglichkeiten aufweist, die ein Tier nicht bieten kann. Mygo ist ein autonomes System, das nicht als Ergänzung zum Blindenführhund verstanden werden soll, sondern diesen vollständig ersetzt. Der elektronische Blindenhund führt den Benutzer in dynamischen Bewegungen um bestehende (statische und dynamische) Hindernisse. Das System besitzt eine ständige Standortbestimmung und hat eine innovative optische Sensorik integriert, die eine Vollszenenerkennung in Echtzeit erst ermöglicht.

Bedenkt man, dass ein Blindenhund bis zu 40.000 EUR kostet und in städtischer Umgebung nicht länger als zwei Stunden konzentriert arbeiten kann, ist Mygo mit einem voraussichtlichen Preis von 10.000 EUR und einer Laufleistung von sechs Stunden eine sinnvolle Alternative zum Blindenführhund. Nimmt man die in naher Zukunft ausgereifte Technik der Brennstoffzelle als Energielieferanten, ist eine Laufleistung von 40 Stunden gewährleistet.

Würdigung

Sebastian Ritzler hat in seiner Diplomarbeit das getan, was immer im Zentrum von Gestaltung stehen sollte, er hat den Menschen als Grundlage und Ausgangspunkt für seine Überlegungen und seine Beschäftigung mit den Bedürfnissen, der Handlung und dem Artefakt genommen; er hat dies bewusst und voll absichtsvoller Zielstrebigkeit getan, ohne sein Thema oder Konzept bereits festgeschrieben zu haben und er hat sich auf den Weg begeben, sich eines Themas von gesellschaftlicher Relevanz anzunehmen.

Wie er selbst in seiner Dokumentation ausformuliert, war sein Anlass kein spontaner, keine zufällig gefundene Idee oder Gedanke, sondern die konsequente Ableitung seiner Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Gegebenheiten und technologischen Veränderungen mit ihren Chancen und auch Auswüchsen in unsere Sinneswelten. Er hat sich dabei ganz bewusst der Menschen angenommen, die mit eingeschränkten Sinnesfähigkeiten am Rande einer scheinbar multitaskingfähigen Gesellschaft stehen und entwickelte so seine Vorstellung und Konzept für eine dynamische und interaktive Führung in der urbanen Umgebung, den Mygo. Ein Gerät, das es Blinden erlaubt, sich in der städtischen Umgebung sicher zu orientieren, Unabhängigkeit schafft, Ängste abbauen soll und dabei mit der Erhöhung der individuellen Mobilität, die Lebensqualität des Betroffenen steigert.

Sebastian Ritzler hat nach intensiven Recherchen in allen relevanten Bereichen, nach Gesprächen mit Blinden, aber auch in unsicheren tastenden Selbstversuchen, die ihn auch zu überraschenden Sinneserfahrungen führten, nach kritischer und umfassender Untersuchung und Analyse technologischer Ortungs- und Steuerungsmöglichkeiten mit dem Blick auf unsere Wahrnehmungsfähigkeit, aber besonders auf die eingeschränkte Wahrnehmungssituation blinder Menschen in ihrer täglichen urbanen Umgebung das Konzept für ein Gerät, einen elektronischen Blindenführhund, wie er ihn nennt, entwickelt, der in seiner Aufgabenstellung und Funktion seinem realen Vorbild ähnelt und darüber hinaus weitere Aufgaben bewältigt, ohne sich dabei jedoch dessen soziale Funktion anmaßen zu wollen.

In seinem integrativen und ganzheitlichen Gestaltungsprozess gelang Sebastian Ritzler eine überzeugende gestalterische Interpretation und Umsetzung dieser anspruchsvollen Aufgabenstellung, die geprägt ist von seiner Absicht, ein Gerät zu entwickeln, das gestalterisches Selbstverständnis und Zurückhaltung zugleich vermittelt und dabei eigene Identität und Prägnanz erlangt. Ein Produkt, das seinen Benutzer nicht stigmatisiert, aber doch in seiner Zeichenhaftigkeit auf seinen Nutzungskontext verweist. In seiner gestalterischen Reduktion auf die Kernaussage behielt er aber auch den Blick auf das Wesentliche, auf den Menschen mit seinen fehlenden visuellen ahrnehmungsfähigkeiten und entwickelte ein mehrsensuelles Interface, das eine zielsichere und individualisierbare Orientierung im öffentlichen Raum ermöglicht und damit persönliche Unabhängigkeit schafft.

Sebastian Ritzler hat mit seinem Mygo einen hervorragenden konzeptionellen und gestalterischen, aber auch plausiblen Beitrag für eine sinnhafte und sinnliche Wahrnehmung und Bewältigung des Alltags in einer für Blinde eigenen Komplexität geleistet, er hat dies mit einem hohen Maß an Behutsamkeit und Sensibilität getan, mit einem enormen Gespür für die besonderen Umstände der Nutzer und unter Ausschöpfung relevanter technologischer Möglichkeiten und er hat dabei gleichzeitig gezeigt, dass es möglich ist, Nutzungsangebote differenziert und sinnvoll zu strukturieren und auch übereinander zu lagern ohne den Nutzer zu überfordern.

Prof. Peter Raab, Fachhochschule Coburg

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